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Sicherheit von Propofol-Gabe zur Betäubung bei endoskopischen Untersuchungen: Fehlinterpretation wissenschaftlicher Ergebnisse

Berlin, 30. März 2011

In der Ausgabe Nr. 13/2011 des Magazins Focus online sowie der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 28.03.11 wird unter Bezugnahme auf ein Interview mit Herrn Prof. Dr. Uwe Schulte-Sasse, Anästhesist aus Heilbronn, behauptet, in Deutschland würden jährlich 180 Menschen an den Folgen der Anwendung von Propofol bei Magen- und Darmspiegelungen sterben. Diese Aussage ist unzutreffend und beruht auf einer falschen Interpretation von veröffentlichten wissenschaftlichen Daten.

In beiden Artikeln wird auf eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover verwiesen, bei der drei Todesfälle nach 10.000 endoskopischen Untersuchungen berichtet worden seien. Die Zahl von drei Todesfällen wird dann auf eine nicht nachvollziehbare und willkürlich angenommene Zahl von Magen-Darmspiegelungen in Deutschland hochgerechnet und somit von 180 Todesfällen ausgegangen.

Zum einen wurde die genannte Studie (T. Wehrmann, A. Riphaus, Scand. J. Gastroenterol. 2009; 43: 368-74) nicht an der Medizinischen Hochschule Hannover, sondern am Krankenhaus Siloah in Hannover durchgeführt. Diagnostische Magen- oder Darmspiegelungen, wie sie in vielen niedergelassenen Praxen in Deutschland durchgeführt werden und im Focus-Artikel thematisiert sind, wurden in der Studie gar nicht untersucht. Eingeschlossen wurden nur die sehr viel aufwendigeren und durch die Untersuchung selbst risikoreicheren endoskopischen Operationen an Speiseröhre, Magen, Gallenwegen und Bauchspeicheldrüse.

Die in der Studie tatsächlich berichteten vier Todesfälle standen alle im Zusammenhang mit der schweren Erkrankung des jeweiligen Patienten und nicht mit der Tatsache, dass die Patienten für den Eingriff mit Propofol sediert wurden. Todesursache war in einem Fall eine Lungenembolie, bei zwei Patienten eine nicht beherrschbare Blutung und bei einem Patient eine Sepsis (Blutvergiftung). Somit ist die Behauptung, die Todesursache sei die Gabe von Propofol gewesen, schlicht nicht zutreffend.

Inzwischen gibt es eine viel größere Studie, die die Komplikationen im Zusammenhang mit endoskopischen Untersuchungen unter Propofol-Sedierung untersucht hat (D. Rex et al., Gastroenterology 2010; 137: 1229-37). In dieser Studie fanden sich vier Todesfälle bei 650.000 Untersuchungen, eine Zahl die besser vergleichbar ist, da hier überwiegend Magen-/Darmspieglungen vorgenommen wurden. Folgt man den Hochrechungen des Focus und der in der Augsburger Allgemeinen Zeitung angenommenen Untersuchungsrate, wären in Deutschland weniger als zwei Todesfälle jährlich zu beklagen, wobei niemand belegen kann, ob diese Zahl ganz ohne Sedierung niedriger gewesen wäre.

Jede Form von Sedierung, ob mit Propofol oder anderen Medikamenten, macht endoskopische Untersuchungen oder Operationen für die Patienten schmerzfrei und viel weniger belastend. Sie ist somit ein segensreicher Fortschritt der Medizin. Jede Form von Sedierung bringt aber – wenn auch überschaubare – Risiken mit sich. In der anfangs zitierten Studie mussten zum Beispiel 40 Patienten kurzeitig wegen der Sedierung mit Sauerstoff beatmet werden. Diesen Risiken trägt eine kürzlich veröffentlichte Leitlinie der Deutschen Gastroenterologen (DGVS) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie Rechnung. Die Leitlinie enthält die klare Vorgabe, dass bei allen endoskopischen Untersuchungen und Eingriffen unter Sedierung eine zweite qualifizierte Person, die nur den Patienten überwacht und in Wiederbelebungsmaßnahmen erfahren ist, anwesend sein muss. Leider haben sich die Krankenkassen und Kostenträger bisher nicht bereit gefunden, die Kosten für den erhöhten Personalaufwand, der ausschließlich der Sicherheit der Patienten dient, zu erstatten. Dies ist der eigentliche Skandal.

Die DGVS wurde 1913 als wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Erforschung der Verdauungsorgane gegründet. Sie fördert heute Forschung im Bereich Verdauung und Stoffwechsel, entwickelt Leitlinien und bietet Fort- und Weiterbildung von Ärzten in Klinik und Praxis an. Regelmäßige Fachtagungen, die Nachwuchsförderung und der internationale Austausch sind ihr ein besonderes Anliegen.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. med. Till Wehrmann
Prof. Dr. med. Markus M. Lerch
Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten
Olivaer Platz 7
10707 Berlin
Tel: 030 - 31 98 31 5000
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Internet: www.dgvs.de